Was ist Trauer ?

…mit dieser Frage musste ich mich neulich viel zu unvorbereitet auseinander setzen.

Ich war neulich bei einer ehemaligen Studienkollegin zum Nachmittags- Tee eingeladen. Ich hatte sie lange nicht gesehen und freute mich darauf, sie wiederzusehen – zumal ihre Tochter mittlerweile auch so alt war wie meine Kiddies, war ich gespannt.

Kala* (der Name wurde geändert) stand mit einem völlig versteinerten Gesicht in der Tür und ihre Tochter kam mir mit Tränen in den Augen entgegengerannt, schlang ihre Ärmchen um mich und rannte dann wieder weg.

Ich ahnte bereits das irgendetwas passiert war. Kala hatte zwei Tage zuvor einen Arzttermin zum alljährlichen CheckUp gehabt, das wusste ich.

„Ich habe eine auffällige Veränderung im Blutbild… bis zum Wochenende haben wir Gewissheit.“
Das waren die Worte die sie mir nach einer Umarmung entgegenbrachte.

Ich musste mich erst einmal setzen – meine erste Frage war „Warum weiß Deine Tochter schon davon?“ Sie stand wohl unglücklicherweise in der Tür als Kala mit ihrem Mann telefonierte und hatte mehr mitbekommen als sie sollte. Gut, jetzt erst mal ein Schritt nach dem anderen und dann mit aller Kraft nach vorn – so war zumindest bisher immer unser Motto.

Aber wie sich herausstellte, musste es gleich und jetzt sofort losgehen…denn noch bevor wir unseren Tee trinken konnten, kam ihre Tochter zu uns in die Küche.

„Daniela, wie bin ich ich richtig traurig….wie fühlt sich traurig sein an? Ich hab Angst um Mama aber ich muss doch keine Angst haben wenn Mama sagt, dass alles gut wird, oder?“

Hier fing ein kleiner Mensch an, sich über das was er auf einmal fühlte, Gedanken zu machen und das was da drinnen in diesem Mensch vor sich ging, war gar nicht so einfach einzuordnen.

Was ist eigentlich Trauer?

Jeder Mensch, der einen Verlust erlitten hat, empfindet Trauer. Diese Trauer hilft, mit dem Verlust fertig zu werden. Die Trauer stellt einen sehr persönlichen Prozess dar, der von jedem Menschen anders durchlebt wird. Trauer ist die natürliche Reaktion des Menschen auf Verlust- und Abschiedssituationen. Trauer gestaltet sich sehr komplex und wird von einer Vielzahl von Gefühlen wie Wut, Angst, Ohmacht und Hilflosigkeit begleitet. Das Durchleben dieser Gefühle ist notwendig, um den Verlust zu verarbeiten und dem eigenen Leben einen neuen Sinn zu geben.

Daher ist die Zeit des Trauerns auch nicht negativ zu sehen. Im Gegenteil: Sie stellt eine Zeitspanne dar, in der man ein ganz wichtiges Lebensgefühl erlebt, das hilft, viele andere Verluste im Leben mit in die eigene Existenz einzubeziehen.
Die Auseinandersetzung mit der Trauer trägt dazu bei, in der Gesellschaft eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Trauernde aufgehoben fühlen und in der sie Unterstützung erfahren, die sie zur Bewältigung ihrer Trauer benötigen.

Trauerprozess in vier Phasen (nach Verena Kast)
Eine der bekanntesten Theorien rund um den Trauerprozess stammt von Verena Kast. Sie unterscheidet vier Phasen, die meist nacheinander, aber meist nicht streng voneinander getrennt ablaufen:

Erste Phase: Nicht-Wahrhaben-Wollen
Der Verlust wird verleugnet, der oder die Trauernde fühlt sich zumeist empfindungslos und ist oft starr vor Entsetzen: „Es darf nicht wahr sein, ich werde erwachen, das ist nur ein böser Traum!“ Diese erste Phase ist meist kurz, sie dauert ein paar Tage bis wenige Wochen.

Zweite Phase: Aufbrechende Emotionen
In der zweiten Phase werden durcheinander Trauer, Wut, Freude, Zorn, Angstgefühle und Ruhelosigkeit erlebt, die oft auch mit Schlafstörungen verbunden sind. Der konkrete Verlauf dieser Phase hängt stark davon ab, wie die Beziehung zwischen den Hinterbliebenen und dem Verlorenen war, ob zum Beispiel Probleme noch besprochen werden konnten oder ob viel offengeblieben ist. Starke Schuldgefühle im Zusammenhang mit den Beziehungserfahrungen können bewirken, dass man auf dieser Stufe stehen bleibt. Das Erleben und Zulassen aggressiver Gefühle hilft dem Trauernden dabei, nicht in Depressionen zu versinken. Weil in unserer Gesellschaft Selbstbeherrschung ein hoher Wert ist und abhängig von familiären und gesellschaftlichen Prägungen sogar die Tendenz bestehen kann, Trauer ganz zu verdrängen, bestehen oft große Schwierigkeiten, diese Phase zu bewältigen. Aber nur indem die Emotionen auch tatsächlich erlebt und zugelassen werden, kann die nächste Trauerphase erreicht werden.

Dritte Phase: Suchen, finden, sich trennen
In der dritten Trauerphase wird der Verlorene unbewusst oder bewusst „gesucht“, meistens dort, wo er im gemeinsamen Leben anzutreffen war (in Zimmern, Landschaften, auf Fotos, aber auch in Träumen oder Phantasien …). Die Konfrontation mit der Realität bewirkt, dass der oder die Trauernde immer wieder lernen muss, dass sich die Verbindung drastisch verändert hat.
Der Verlorene wird bestenfalls zu einem „inneren Begleiter“, mit dem man durch inneren Dialog eine Beziehung entwickeln kann. Im schlechteren Fall lebt der Trauernde eine Art Pseudoleben mit dem Verlorenen, nichts darf sich ändern, der Trauernde entfremdet sich dem Leben und den Lebenden. Wenn der Verlorene aber zu einer inneren Person wird, die sich weiterentwickeln und verändern kann, dann wird die nächste Phase der Trauerarbeit erreicht. Besonders hilfreich erweist sich, wenn in dieser Phase des Suchens, des Findens und des Sich-Trennens auch noch ungelöste Probleme mit der verlorenen Person aufgearbeitet werden können.

Vierte Phase: Neuer Selbst- und Weltbezug
In der vierten Phase ist der Verlust soweit akzeptiert, dass der verlorene Mensch zu einer inneren Figur geworden ist. Lebensmöglichkeiten, die durch die Beziehung erreicht wurden und die zuvor nur innerhalb dieser Beziehung möglich gewesen sind, können nun zum Teil zu eigenen Möglichkeiten werden. Neue Beziehungen, neue Rollen, können möglich werden. Dass jede Beziehung vergänglich ist, wird als Erfahrung integrierbar. Idealerweise kann man sich dann trotz dieses Wissens auf neue Bindungen einlassen, weil man weiß, dass Verluste zu ertragen zwar schwer, aber möglich ist und auch neues Leben in sich birgt (Berlin.de>

Jetzt heißt es erst einmal, sich mit der ersten Phase anzufreunden. Ich werde der Familie mit all meinem Wissen das ich habe zur Seite stehen und probieren, etwas von dem aufzufangen, was in der nächsten Zeit liegen bleibt.

Das soweit für heute… ich werde weiter über Kala und ihre Familie schreiben… Wenn sie es denn weiterhin möchten 🙂

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